Eine Kasse junger Migranten interpretiert «Die Bremer Stadtmusikanten» in ihrer Sprache

 

Coralie Minder unterrichtet in einer Klasse, deren Schüler/-innen grossteils Neuankömmlinge aus dem Asylbewerberheim Tramelan sind. Im Anschluss an eine Fortbildung beschliessen sie und Ihre Kollegin, die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten in der Klasse zu behandeln. Sie leihen sich das Unterrichtsmaterial von éducation21 und stürzen sich in das Abenteuer. Rückblick auf eine aufregende und aktualitätsnahe Erfahrung, bei der es gelang, Brücken zu bauen und den Klassenzusammenhalt zu stärken.

Wie entstand die Idee zum Projekt?
Im Anschluss an eine Fortbildungsveranstaltung zum Thema «Unterrichten in einem interkulturellen Umfeld» sollten wir eine der vorgeschlagenen Unterrichtsmethoden umsetzen. Meine Kollegin und ich wählten das Kamishibai «Die Bremer Stadtmusikanten»: Wir hatten ohnehin geplant, eine Aufführung dieser Geschichte zu besuchen. Damit sie besser verstanden wird, dachten wir uns, wäre es super, diese Unterrichtsmethode vor der Vorführung auszuprobieren. Im Laufe der Wochen gewann unser Projekt dann immer mehr an Bedeutung.

War das Material angemessen?
Ja und nein. Wir waren froh, diese Geschichte in fast allen Sprachen unserer Klasse zu haben. Doch als wir die Texte den Schüler/-innen gaben, stellte sich heraus, dass das Kurdische nicht das richtige war und dass die Geschichte mehr oder weniger gut übersetzt war. Die betroffenen Schüler/-innen schrieben die Geschichte neu. Das bemerkten wir, als wir die Schüler/-innen baten, den Text in einzelne Passagen zu unterteilen und diese den Bildtafeln des Kamishibai zuzuordnen. Die Schüler/-innen leisteten eine enorme Arbeit: Der fehlende Text auf Mongolisch wurde vom betreffenden Schüler selber geschrieben und die arabisch sprachigen Schüler/-innen änderten den Text, damit sie zu jedem Bild einen Textabschnitt vortragen konnten.

Wie liefen die Tonaufzeichnungen ab und wie war das Ergebnis für die Schüler/-innen?
Wir zeichneten eine Sprache nach der anderen auf. Im Laufe der Aufzeichnungen entdeckten wir, dass ein grösserer Schüler seine Kameraden alleine aufnehmen konnte. Da er sehr motiviert war, übernahm er die Aufzeichnungen der ganzen Klasse. Die Bilder habe ich mit meiner Kollegin einfach gescannt. Den Schnitt vertrauten wir grossen Schüler/-innen für ihre Sprache an. Den französischen Text schnitten wir zu und verteilten ihn an die Schüler/-innen der Klasse, je nach ihrem aktuellen Niveau. In Verbindung mit dem Projekt kreierten wir auch andere Dinge, insbesondere ein Heft mit Musikinstrumenten.

Anscheinend fehlte es nicht an Motivation?
Alle Schüler/-innen engagierten sich sehr für das Projekt. Über lange Zeit hörten wir die Texte in der Klasse. Und wir lernten Seiten ihrer Persönlichkeit kennen, die wir ohne diese Aktivität sicher nie erfahren hätten. Dadurch entstanden viele Beziehungen und der Zusammenhalt der Klasse wurde gefestigt.

Wie reagierten die Eltern, als sie die Arbeiten vorgeführt bekamen?
Die Eltern kannten das Projekt bereits von einem Klassenfest. Die Schüler/-innen waren stolz und die Eltern freuten sich sehr, Ihre Kinder in ihrer Muttersprache hören zu können. Der Link mit den Videos wurde sicher in mehrere Länder verschickt!

Welche Ratschläge würden Sie Lehrpersonen geben, die ein ähnliches Projekt machen möchten?
Es wäre wichtig, sicher sein zu können, dass die Gruppe während der gesamten Projektdauer dieselbe ist (bei uns fiel niemand aus, doch es kamen neue Schüler/-innen hinzu, die problemlos in das laufende Projekt integriert werden konnten). Man sollte auch bereit sein, mehr Zeit zu investieren als geplant, vor allem deshalb, weil die Texte nicht immer der Sprache des Kindes entsprechen. Ansonsten nur zu, denn es ist ein unglaubliches Abenteuer!

 

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Ramon Martos 
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