Philippe Hertig

Denkwerkzeuge helfen, Kenntnisse und Fragestellungen selbst zu erarbeiten sowie miteinander in Beziehung zu setzen.

Philippe Hertig, Pädagogische Hochschule Waadt

«Denkwerkzeuge» zum besseren Verständnis künftiger Herausforderungen

Für Jugendliche im Alter von 13 bis 15 Jahren ist die Betrachtung von Zukunftsfragen wie jene des Klimawandels, des Umgangs mit Ressourcen oder der Migration unter dem Blickwinkel der Nachhaltigen Entwicklung (BNE) Chance und Herausforderung zugleich. Dies bedeutet, dass sie zu deren Bewältigung über Fähigkeiten zur Entschlüsselung von Zusammenhängen verfügen müssen, um Auswirkungen ihrer Entscheide abschätzen und Zukunftsszenarien ausarbeiten zu können. Das internationale Forschungslabor für Bildung für Nachhaltige Entwicklung LirEDD (siehe Zusatzinformationen in der rechten Spalte) prüft mögliche Wege, um  solch einen Kompetenzerwerb zu erreichen: Die Lehr- und Lernprozesse von Schülerinnen und Schülern wird während der obligatorischen Schulzeit im Hinblick auf die Entwicklung von «Denkwerkzeugen» Schüler/-innen untersucht. Interview mit Philippe Hertig, Projektverantwortlicher.

Wie lange dauert Ihr Projekt und welches sind seine Zielsetzungen? 
Das Projekt ist auf fünf Jahre angelegt, drei davon in einem gemeinsamen Prozess zusammen mit Lehrpersonen. Zunächst sollen wesentliche «Denkwerkzeuge» identifiziert werden, die unsere Partner/-innen im Unterricht eingesetzen, um komplexe Sachverhalte im Zusammenhang mit einer BNE zu vermitteln. Dann möchten wir gemeinsam mit ihnen Ansätze (didaktische Grundlagen und Hilfsmittel) konzipieren und umsetzen, welche erlauben, solch BNE-orientierte Zielsetzungen mit Schüler/-innen der Oberstufe zu bearbeiten. Schliesslich sollen die Bemühungen in konkrete Aktionen der beruflichen Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen oder sogar in die Produktion von Unterrichtsmedien münden.

Auf welche «Denkwerkzeuge» beziehen Sie sich?
Der Begriff «Denkwerkzeug» lässt sich auf das Konzept des systemischen Denkens zurückführen. Demnach besteht Wissen nicht nur aus begrifflichen Kenntnisse über bestimmte Sachverhalte, sondern auch in der Fähigkeit, Quellen zu erschliessen, die zu einem bestimmtenVerständnis führen (wie z.B. die Kompetenz statistische Daten zu lesen oder polemische sich widersprechende Texte und Bilder zu entschlüsseln). Zudem gibt es transversale Kompetenzen, welche nicht fachspezifisch sind, aber laufend benötigt werden, um Wissen aufzubauen. Um diese drei Faktoren – Grundwissen, fachspezifische Werkzeuge und transversale Kompetenzen – auszudrücken, beruft man sich schliesslich auf integrative Konzepte.

Was verstehen Sie unter «integrativen Konzepten»?
Integrative Konzepte sind an zentrale Fragestellungen eines bestimmten Schulfaches gebunden. Im Fach Geographie ist es z.B. das Mass, in dem sich bestimmte Phänomene äussern,. Wenn ich mich für Migrationsfragen interessiere, kann ich dieses Phänomen in einem regionalen, kontinentalen oder globalen Ausmass betrachten. Je nach Blickwinkel, den ich vorgebe, sind unterschiedliche Dynamiken, Faktoren und Akteur/-innen festzustellen. Die Frage nach dem Mass ist in der Geographie demnach eine grundlegende. In der Biologie gibt es die Unterscheidung zwischen belebter und unbelebter Natur oder den Begriff des Kreislaufs. Im Fach Geschichte die Unterscheidung zwischen Mythen und Geschichtsschreibung oder die Frage der Temporalität. Für mich ist wesentlich, dass diese Denkwerkzeuge von den Lehrpersonen besser wahrgenommen und benutzt werden. Vor allem von den Generalist/-innen, die in jedem Fach nur die Kerninhalte kennen. Die Schule soll dazu beitragen, dass Schüler/-innen sich diese Denkwerkzeuge aneignen können. Sie helfen ihnen, Kenntnisse, Wahrnehmungen und Fragestellungen selbst zu erarbeiten und miteinander in Beziehung zu setzen.

Sie sagen, dass die Beiträge unterschiedlicher Fachdisziplinen notwendig ist, um die Komplexität aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen zu verstehen und nennen die «sich überschneidende Sichtweisen» als Schlüssel zum Verständnis dieser Welt. Was verstehen Sie darunter?  
Es ist wichtig, in der Schule solide fachliche Zugänge zu erhalten, obwohl die grossen gesellschaftlichen Herausforderungen nicht spezifisch einemSchulfach zugeordnet werden können. Beispielsweise kann man nicht einfach sagen, dass die Klimaerwärmung ein Problem der Geographie sei sowiedass Ernährungsfragen oder der Zugang zu Wasser von Ökonom/-innen oder Soziolog/-innen gelöst werden sollen. Die gegenwärtigen Probleme der Welt sind multifaktorielle Herausforderungen, bei denen verschiedene Aspekte zusammenkommen, welche von den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften  gemeinsam behandelt werden müssen. Darüber hinaus sind sie mit einer Wertediskussion verbunden. Von daher ist es nötig, diese Probleme auf interdisziplinäre Weise anzugehen. Tut man dies nicht, beleuchtet man immer nur einen einzelnen Teilaspekt. Da wir in den einzelnen Disziplinen bereits über viel Wissen verfügen, sollten wir es auch zunehmend miteinander in Verbindung bringen. Daber kommt der Schule kommt eine zentrale Rolle zu. Sie muss die Wissensgrundlage mittels dem Erwerben von Denkwerkzeugen (sog. Kompetenzen) progressiv erweitern, damit die künftigen Erwachsenen zu verantwortungsvollem Handeln befähigt werden, verantwortungsvoll zu handeln.

Sind Faktoren wie die Aufgliederung des Unterrichts in einzelne Schulfächer, welche von unterschiedlichen Fachlehrkräften unterrichtet werden, der Vorrang der Hauptfächer sowie der zunhemende Individualismus der Lehrpersonen nicht Bremsen für einen interdisziplinären Ansatz sowie für die Zusammenarbeit, wie Sie es fordern?
Doch, das sind bestimmt bremsende Faktoren. Ebenso das Fehlen von Gefässen, welche für solche Aktivitäten offiziell vorgesehen sind. Trotzdem ist es möglich, dass engagierte Lehrpersonen von der Unterstützung der Schulleitung und von Lehrerkolleg/-innen profitieren können. Persönlich hatte ich das Glück, neben meinen Aktivitäten als Dozent an der Pädagogischen Hochschule, an einer mich unterstützenden Schule Unterricht geben zu dürfen. Wir bildeten interdisziplinäre pädagogische Arbeitsgruppen, in welchen sich über Inhalt und Zielsetzung geeinigt wurde. Dies kam schlussendlich den Schüler/-innen sehr zu Gute. Ich hoffe, dass diese Art von Forschungsprojekten, ebenso wie die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen vermehrt interdisziplinäres Denken fördern und so zu einem besseren Unterricht im Sinne einer BNE beitragen werden.

* Forschungsprojekt „Bildung zur Nachhaltigen Entwicklung, Schulfächer und komplexe Ansätze: Welche  Denkwerkzeuge sind nötig?“. Start: Anfang Schuljahr 2012 – 2013.

LirEDD

  • Internationales Forschungslabor für Bildung für Nachhaltige Entwicklung
           
  • Gründung: April 2012 | Eröffnung: 21. Mai 2013
            
  • Interdisziplinären Team von Dozierenden und Forschenden aus drei Abteilungen der PH Waadt (Didaktik der Geistes- und Sozialwissenschaften, der Mathematik und der Naturwissenschaften, Kunst und Technologie)

Hauptaufgabe

  • Umsetzung von Forschungs- und Entwicklungsarbeiten im Zusammenhang mit einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE)
       
  • Ermutigung von Schulen mit einem Interesse an BNE sowie Entwicklung gemeinsamer Forschungsprojekte 
           
  • Pflege der internationalen Zusammenarbeit

Rolle von éducation21 in der F&E

éducation21, als nationales Kompetenzzentrum BNE

  • pflegt eine enge Zusammenarbeit mit den Hochschulen im Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) der BNE,
     
  • sichert den Informationsaustausch zu wichtigen Entwicklungen im Fachdiskurs auf nationaler sowie internationaler Ebene.

Kontakt

Ramon Martos
tel +41 21 343 00 24
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