Verantwortungsvoller Tourismus

Nachdenken über verantwortungsvollen Tourismus: Ein Blick nach Italien zeigt, wie dort eine neue Zusammenarbeit mit Tourismus-Anbietenden und der lokalen Bevölkerung entsteht. Ohne Folklore, aber mit echtem Austausch. Roger Welti traf Renzo Garrone, Direktor und Reisebegleiter von RAM Viaggi, zum Gespräch.

Renzo Garrone, würden Sie einen Schulausflug oder eine Studienreise als Tourismus bezeichnen?
Ja, wenn Tourismus als Vergnügen verstanden wird. Verantwortungsvoller Tourismus ist konsequenterweise somit ein intelligentes Vergnügen. Anders gesagt: Der Schulausflug ist Tourismus, wenn er neben dem Vergnügen einen Anteil an Vertiefung miteinschliesst. Kinder und Jugendliche wollen während des Ausflugs herumstreifen und Spass haben. Unsere Aufgabe ist es, zusätzlich Begegnungen mit Personen aus dem lokalen Umfeld zu organisieren. Diese gut vorbereiteten und strukturierten Besuche erfordern während einer beschränkten Zeit die Beteiligung und die Konzentration der Jugendlichen.

Wie kann die Schule verantwortungsvollen Schul-Tourismus in den Unterricht einbetten?
Die gemeinsame Klassenreise soll auch gemeinsam mit der Klasse vorbereitet werden. Zum Beispiel kann bei der Reise ans Meer die Bedeutung des Adjektivs «mediterran» entdeckt werden: Durch die Beobachtung des Klimas, der wildwachsenden Flora, der Anbauart von Kulturpflanzen, der Lebensweisen und Bräuche der Leute, der Wirtschaft und ihrer Veränderung aufgrund des Tourismus... So wird der Ausflug in einen geschichtlichen, geografischen und kulturellen Kontext eingebettet.
Für die organisierte Begegnungen mit den Menschen vor Ort nehmen wir uns stets genügend Zeit. Man kann solche Erfahrungen nicht im Vorbeirennen machen. Die Personen werden von uns für diese Zusammenarbeit bezahlt. Unsere Reisen kosten also etwas mehr, weil wir dem Faktor Zeit mehr Bedeutung einräumen. Aber hier prallen wir auf das grosse Problem von heute: Weniger ausgeben ist das Motto! In der Logik einer gerechten Welt müsste Zeit aufgewertet und mit einem korrekten Preis bezahlt werden.

Welchen Mehrwert erhält eine Schule, die verantwortungsvollen Tourismus anwendet?
Es kommt noch zu häufig vor, dass die Lehrperson alles allein vorbereitet. Dieses System sollte revolutioniert werden: Warum die Reise nicht gemeinsam mit den Schüler/-innen planen? Bei unseren Ausflügen besucht der Reiseanbieter eine Klasse mindestens für einen halben Tag. Manchmal ist dies nicht möglich. Dann vereinbaren wir mit der Lehrperson Inhalte und Ziele, die sie dann mit der Klasse umsetzt. Dazu verfügt sie als Fachperson schliesslich auch über das nötige Wissen… Reisen nach den Aspekten eines verantwortungsvoller Tourismus vorzubereiten ist eine Investition in die Zukunft: Die Schüler/-innen sind die Touristinnen oder sogar Tourismus-Anbieter von morgen.

Ihre Organisation RAM Viaggi sieht ein Angebot für Schulen vor. Worum handelt es sich konkret? Könnten auch Schweizer Schulen das Angebot nutzen?
Für Klassen organisieren wir den Ausflug hier in Camogli, im Regionalpark von Portofino. Wir bieten ihnen einen Mix an, bestehend aus Exkursionen im Freien und Begegnungen mit verschiedenen Leuten. Zum Thema Seefahrt arbeiten wir mit einer Vereinigung, die sich mit Elementen der Seefahrt und der lokalen Tradition befasst, zusammen, zum Thema Landwirtschaft mit einer Landwirtschaftskooperative. Das Standard-Angebot sieht einen Spaziergang nach San Fruttuoso vor, von welchem die Klassen mit dem Schiff zurückkehren. Sie schliessen den Tag kulinarisch mit einer typischen Focaccia ab. Natürlich steht unser Angebot auch Klassen aus der Schweiz offen, sei es als Eintages- oder als ad hoc-Programm über mehrere Tage, mit Übernachtung in einem Kloster.

Was raten Sie einer Schulleitung, damit die Schule Ausflüge organisiert, die Sinn machen?
Ich rate ihr, die Lehrpersonen zu beauftragen, den Ausflug gemeinsam mit der Klasse vorzubereiten. Die Zeit dazu müsste die Schulleitung zur Verfügung stellen. Zudem könnte sie die Familien bitten, etwas mehr Geld für diese Art von Schulausflügen aufzuwenden. Es ist mehr wert, 25 Euro in eine Sache zu investieren, die Sinn macht, als 500 Euro in ein Smartphone.

Lesen Sie das vollständige Interview (pdf)

Renzo Garrone

Gründungsmitglied des italienischen Verbandes für Verantwortungsvollen Tourismus (Associazione Italiana Turismo Responsabile - AITR), Direktor und Reisebegleiter von RAM Viaggi und Buchautor.

Informationen

Ventuno 1 | 2016 Tourismus
Version PDF | Version issuu

Links

www.fairunterwegs.org
Nachhaltiger Tourismus (STV)
Tourismus und Nachhaltige Entwicklung (ARE)

 

Auf Italienisch

Die Ausführliche Version des Interviews
zum Hören (24'26") oder zum lesen (PDF)

Und weitere Links
Ram Viaggi
AITR
La carta del turismo responsabile
Formare i turisti di domani

 

Kontakt

Roger Welti
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