Die «heisse Kartoffel», die unsere Schule veränderte
24.08.2026

Die Hände eines Kindes halten eine Kartoffel, aus der Sprossen spriessen

  
Was wäre, wenn eine einzige Kartoffel eine ganze Schule in Bewegung brächte? Die fiktive Schulleiterin Iwanka erzählt, wie eine «heisse Kartoffel» zum Ausgangspunkt der gemeinsamen Schulentwicklung wurde und das Thema Ernährung Schritt für Schritt in Unterricht, Schulkultur und Schulumfeld verankerte.

Als ich vor drei Jahren die Leitung unserer Schule übernahm, ahnte ich nicht, dass ausgerechnet eine Kartoffel unsere Schulentwicklung ins Rollen bringen würde. Alles begann mit dem Wunsch unseres Schulteams, das Thema Ernährung gemeinsam weiterzuentwickeln. Mithilfe der Qualitätskriterien des Schulnetz21 (Kapitel D.5 Ernährung) schauten wir genau hin: Wo stehen wir? Was gelingt uns bereits? Wo möchten wir besser werden?

Aus dieser Standortbestimmung entstand eine gemeinsame Vision – und eine Kartoffel stand plötzlich im Mittelpunkt: An der Teamsitzung legte eine Lehrerin sie mitten auf den Tisch. «Heute bekommt jede und jeder einmal die heisse Kartoffel», sagte sie schmunzelnd. «Aber nicht, um sie möglichst schnell loszuwerden, sondern um eine Idee beizutragen.»

Die Kartoffel machte ihre erste Runde …

Bei mir als Schulleiterin blieb sie einen Moment liegen. Ich gab ihr eine Vision mit auf den Weg: Ernährung soll an unserer Schule gesund, regional, saisonal, genussvoll und für alle zugänglich sein. Gemeinsam mit Lehrpersonen, Betreuung, Hauswartung und Schulsozialarbeit gründeten wir eine Arbeitsgruppe, die unsere Vorhaben koordinierte und langfristig verankerte.

… und wanderte weiter zu Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern

Den eigentlichen Funken, den unsere Schule in Bewegung versetzte, zündeten die Schülerinnen und Schüler selbst. Nachdem die Lehrpersonen den Klimawandel thematisiert und die Lernenden einen Beitrag der Sendung Einstein zur Kartoffel und Klimaveränderung (SRF Einstein: Ist unsere Kartoffel in Gefahr? ) gesehen hatten, wollten sie verstehen, wie ihr eigenes Essen mit der Zukunft unseres Planeten zusammenhängt. Und sie erkannten: selbst der Kartoffel wird es «zu heiss»: Vermindertes Wachstum, zunehmende Kraut- und Knollenfäule, Ernteausfälle, immer weniger Kartoffelanbau in der Schweiz… plötzlich stellten sie Fragen, auf die wir gemeinsam Antworten suchten.

Die Kartoffel rollte weiter durch die Klassenzimmer. Im Mathematikunterricht wurden Erträge, Transportwege und Preise berechnet. In den Sprachen entstanden Interviews, Rezepte und Familiengeschichten. Im NMG erforschten die Kinder den Weg der Kartoffel vom Acker bis auf den Teller. Im Klassenrat diskutierten sie über Food Waste, Biodiversität, Werbung, faire Produktion und ihre eigene Verantwortung.

Von dort gelangte die Kartoffel zu den Familien.

Die Schülerinnen und Schüler planten ein nachhaltiges Kartoffelbuffet, kochten mit einem vorgegebenen Budget und luden ihre Eltern und Grosseltern ein. Diese erzählten von früheren Ernten und Gerichten. Aus einer Knolle wurde ein Gespräch zwischen Generationen und Kulturen.

Und die Kartoffel blieb nicht stehen.

Sie landete bei einem Bauern aus dem Nachbardorf, der den Kindern seine Felder zeigte. Inspiriert legten wir mit Unterstützung der Pädagogischen Hochschule einen eigenen Schulgarten an und pflegen diesen unter aktiver Mithilfe von Pro Senectute weiter. Der Unterricht findet inzwischen regelmässig draussen in unseren Beeten statt. Die Schule öffnete sich – und das Dorf wurde Teil des Lernens.

Schliesslich kam die Kartoffel wieder zurück ins Lehrerzimmer.

Diesmal brachte sie neue Fragen mit. In einer Weiterbildung beschäftigten wir uns mit dem One-Health-Prinzip. Wie hängt unsere eigene Gesundheit mit der Sorge gegenüber der Umwelt zusammen? Wie reduzieren wir Food Waste? Welche Esskultur wollen wir leben? Daraus entstanden gemeinsame Regeln für den Pausenkiosk, die Verpflegung in der Tagesbetreuung, Projektwochen und wiederkehrende Aktionstage.

Und heute?

Heute wandert die heisse Kartoffel noch immer durch unsere Schule. Jeden Monat landet sie symbolisch bei einer anderen Klasse, einer Lehrperson oder einer Partnerorganisation. Wer sie erhält, bringt eine neue Idee mit – und gibt sie weiter.

Wenn mich heute jemand fragt, wie Schulentwicklung gelingt, erzähle ich deshalb nicht zuerst von Konzepten oder Projektplänen. Ich erzähle von einer heissen Kartoffel.

Das könnte Ihre Schule sein

Diese Geschichte hat so im Wortlaut nicht stattgefunden – doch Ähnliches könnte sich schon bald an Ihrer Schule abspielen! Das fiktive Beispiel orientiert sich am gesamtschulischen Ansatz gemäss dem Flower-Model nach Wals & Mathie 2022 und zeigt exemplarisch die wichtigsten Elemente auf, welche im Rahmen der Schulentwicklung berücksichtigt werden sollten.

Als weitere Inspiration und Unterstützung stehen folgende Materialien zur Verfügung:
 

Themendossier Ernährung (insbesondere die Rubrik «Schule»)
 
Themendossier «Wie geht es uns?» (insbesondere die Rubrik «Schule») 
 

Qualitätskriterien Schulnetz21
 
Bildungslandschaften21