Tourist/-innen in der Heimat


 

Laura Saia unterrichtet als Sekundarlehrerin in Winterthur Sprachen, Religion, Geschichte und Geographie. Als Lehrerin mit Migrationshintergrund kann sie ihre Schülerinnen und Schüler gut verstehen, welche oft eine ähnliche Lebensgeschichte aufweisen. Im folgenden Text äussert sie sich über die zwiespältigen Gefühle, die bei ihr die Bezeichnung als Seconda auslöst. «Identität», «Heimat» und «Migration» sind für sie wichtige Themen, die sie auch in den Unterricht einbringt. Wie sie dabei vorgeht, erfahren Sie aus dem nebenstehenden Videointerview. Laura Saia äusserte sich zudem in verschiedenen Beiträgen in der NZZ zum Lehrplan 21 (vgl. rechte Spalte).

Viele Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund. Wenn sie hier in der Schweiz geboren wurden, dann nennt man sie oft «Secondos». Diese Begriffswahl scheint viele zu beruhigen, denn Definitionen haben etwas Endgültiges und Geklärtes. Nur ist es aber viel eher so, dass Migration kein Ende hat, sie schreitet voran und durchdringt alle nachfolgenden Generationen innerhalb einer Familie. Secondos migrieren in einer gewissen Art und Weise weiter, denn ihre Identität, ihr Verständnis von Heimat ist weitaus komplexer und vielschichtiger, als es der Begriff «Secondo» vorzugeben versucht.

Die Heimat der Migranten, die nie migriert sind – eine Innenansicht

Wir sind niemals migriert, wir mussten nie die Koffer packen, wir sind nie in einen Zug gestiegen, um unsere Zuhause zu verlassen. Wir haben nie Briefe und Geld in die alte Heimat verschickt, wir mussten keine neue Sprache lernen. Wir sind nie migriert. Wir passieren in Chiasso die Grenze ohne medizinische Kontrolle. Wir waren nie nur Gäste, nie nur Arbeiter. Wir hatten nie verzweifelte Hoffnung auf eine Rückkehr gehegt. Schwarzenbach macht uns keine Angst. Wir mussten uns nie für das Hier oder das Dort entscheiden. Baracken und kleine Wohngemeinschaften waren nie unser Zuhause.

Wir sind nie migriert und trotzdem sind wir Migranten. Wir sind die Hiergeborenen, die zweite, vielleicht auch dritte oder vierte Generation, die Kinder der Migranten, die es so gut haben, weil sie nie migriert sind. Man nennt uns «Secondos» und meint, mit dieser Begriffszuschreibung sei alles geklärt, denn wir sind jene, deren Heimat so klar zu sein scheint, weil wir dort geboren wurden, wo wir nun immer leben können. Wir sind die Kinder, die niemals klagen dürfen, denn wir sind nie migriert. Wir sind die Dankbaren, deren Eltern bereits den Weg für uns gemacht haben. Wir sind die gelungenen Produkte unserer Migration, die wir nie selbst gegangen sind.

Wir sind die Kinder der Gastarbeiter und sind nun zu Dauergästen geworden. Wir sind die Angepassten, die Austauschbaren, wir sind die Brücke zwischen dem Hier und dem Dort. Wir sind überall zu Hause und nirgends. Wir sind die Ergebnisse, der Ertrag, die Wertschöpfung von Entbehrung, von harter Arbeit, welche unsere Eltern für uns getätigt haben. Wir kennen die Saison nur als Jahreszeit und nicht als Arbeitsperiode. Wir bekommen vom Staat keine Zugsbillete geschenkt, um in die Heimat zu fahren. Wir kaufen sie selbst, bestimmen jetzt aber auch, wann wir gehen wollen. Wir sind die befreiten, die Schmiede des Glücks unserer Eltern, wir sind die Kinder, die alles haben, weil wir nie migriert sind. Unsre Eltern wurden zu Fremden, als sie migrierten. Wir aber sind als Fremde geboren worden.

Wir sind die Kinder, die als Migranten geboren wurden, in ein Land, das wir später Heimat nennen, um dann ganz leise, schweigend, vielleicht auch beschämt festzustellen, dass es für uns keine Heimat gibt. Wir wurden zwischen die Welten hineingeboren, wir sind ständig auf der Flucht, ständig auf der Suche und sind trotzdem nirgends zu Hause. Wir haben es gut, denn wir haben eine Ausbildung, Geld und Sicherheit, nur Klarheit, die fehlt uns. Wir sind die Orientierungslosen, weil wir im Kompass unseres Lebens nicht wissen, wo die Nadel festzumachen ist.

Sprache, Tradition und Kultur sind Wörter, die wir nur in der Mehrzahl benutzen. Nur die Heimat, die macht uns zu schaffen. Es gibt keine Pluralform für Heimat. Die Sprache lügt nie. Und auch dann, wenn sie uns erlaubt, vermeintlich klare Begriffe als Substantive anzuhängen, um dann Begriffe zu haben wie «Heimatland» und «Heimatsprache», scheitern wir, auch wenn die Pluralform dann plötzlich möglich wird. Was emotional so schlecht fassbar ist, wird sprachlich in einer Klarheit erkennbar, die etwas schmerzt. Ja, wir können diesen Substantiven jeweils zwei Formen, zwei Begriffe zuordnen. Wir haben stets zwei Heimatländer, zwei Heimatorte, wir kommunizieren im Alltag in zwei Heimatsprachen. Und genau hier, wenn wir nun das Thema in seiner Komplexität zu vereinfach suchen, scheitern wir kläglich.

Die Tatsache, dass wir dem Hier und dem Dort Begriffe zuweisen können, führt lange nicht dazu, dass wir diese Begriffe zu einer Symbiose vereinen können, um dann eine Heimat zu nennen, die sich in totaler Harmonie und Verschmelzung manifestiert. Unser Begriff von Heimat darf und kann nicht einem ökumenischen Gottesdienst gleichgestellt werden, der die totale Vereinigung verschiedener Konfessionen zum Ziel hat. Wir wollen gar keine Verflechtung vom Da und Dort. Wir wollen nicht immer «beides sein», wir sind keine Produkte der Migration, auch keine Mischformen. Wir wollen keine Heimat als Kalkül zweier sich vermeintlich so gut ergänzender Gefühle, welche für uns jedoch seit immer konträr waren. Wir wollen nicht vermitteln, sondern teilnehmen. Wir sind Migranten, die nie migriert sind und nicht einfach nur Secondos. Dann, wenn wir unterwegs sein dürfen, wenn wir an Bahnhöfen und Flughäfen stehen, wenn wir Gefühle von Wiedersehensfreude und Abschiedsschmerz spüren, wenn wir immer wieder zu Touristen werden, Da und Dort, wenn wir am liebsten an beiden Orten sein wollen– all das ist für uns Heimat.

 

 

Video

 

Beiträge von Laura Saia in der NZZ zum Lehrplan 21

Lasst uns über die Schüler sprechen

Bildung ist keine Gulaschsuppe

Der Lehrplan ist bildungsfern

 

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