«BNE ist unverzichtbar»
25.08.2026
Seit zwei Monaten leitet Lucia Winkler éducation21. Im Gespräch erzählt sie, was sie an ihrer neuen Aufgabe überrascht, welches Verständnis von Führung sie mitbringt und warum Bildung junge Menschen dazu befähigen muss, mit einer komplexen Welt umzugehen.
Lucia, du bist seit zwei Monaten im Amt, was hat dich in dieser Zeit am meisten überrascht?
Was mich überrascht hat ist, wie vielschichtig BNE ist. Wie viele Themen und Perspektiven in BNE zusammenkommen. Ich war auch sehr beeindruckt vom grossen Fachwissen und Engagement der Mitarbeitenden von éduaction21. Gerade in den letzten Wochen habe ich ausserdem festgestellt, wie vielfältig unsere Anspurchsgruppen sind – von Bundesämtern, über die Kantone, Pädagogischen Hochschulen und Verbände bis hin zu den Schulen und Lehrpersonen. Da kommen sehr viele unterschiedlicher Erwartungen zusammen, diesen gerecht zu werden ist nicht einfach, macht die Aufgabe aber umso spannender.
Und worauf freust du dich am meisten in deiner neuen Rolle?
Was mich motiviert und worauf ich mich besonders freue, ist die Zukunft, die Weiterentwicklung von éducation21 aktiv mitzugestalten. Es reizt mich, die eben erwähnten unterschiedlichen Perspektiven zusammenzubringen, zwischen den unterschiedlichen Interessen zu vermitteln und gemeinsam gute Lösungen suchen.
«Was mich motiviert und worauf ich mich besonders freue, ist die Zukunft, die Weiterentwicklung von éducation21 aktiv mitzugestalten.»
In deiner Rolle ist Leadership wichtig. Was ist dein Verständnis von Führung?
In der Führung sind mir eine offene Kommunikation, Vertrauen, Klarheit und Verbindlichkeit wichtig. Ich möchte Verantwortung übernehmen, meine Entscheide für die Mitarbeitenden nachvollziehbar machen, und ich möchte vorleben, was ich von den Mitarbeitenden erwarte. Für mich ist es ausserdem wichtig, auch die Perspektive der Mitarbeitenden einzubeziehen und diese ernst zu nehmen und auf ihren Stärken aufzubauen, so dass sie selber Verantwortung übernehmen und ihre Fähigkeiten optimal einbringen können.
Was würden deine ehemaligen Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen beim Kinderdorf Pestalozzi auf die Frage antworten: Was ist typisch Lucia Winkler?
(lacht) Meine Kolleginnen und Kollegen würde sagen, dass ich auch dann ruhig bleibe, wenn um mich herum ein Sturm tobt. Und dass ich gerne strukturiert arbeite, Komplexes gut im Überblick behalte … und Humor für mich sehr wichtig ist.
Du hat im Kinderdorf Pestalozzi als Programmverantwortliche Ostafrika und stellvertretende Leiterin nationale und internationale Programme gearbeitet und dabei auch Schulprojekte verantwortet. Was nimmst du aus dieser Zeit an Erfahrung mit?
In erster Linie nehme ich mit, dass Bildung nicht isoliert betrachtet werden kann und muss, sondern als komplexes System. Ich gelernt, mich in unterschiedliche Perspektiven hineinzuversetzen und zwischen verschiedenen Akteurinnen und Akteuren zu vermitteln. Das war teilweise auch eine Art Übersetzungsarbeit z. B. zwischen Erwartungen und Anforderungen des Hauptsitzes und den Teams vor Ort in Ostafrika. Ich musste auch vermitteln zwischen Fachpersonen, wie etwa einem Architekten, der für uns Schulen bauen wollte und den lokalen Partnerorganisationen, aber auch zwischen den Bedürfnissen der Schulen und den Behörden auf verschiedenen Ebenen. Diese Erfahrung hilft mir auch heute dabei, unterschiedliche Sichtweisen zu verstehen, zusammenzubringen und gemeinsam gute Lösungen zu entwickeln.
«In erster Linie nehme ich mit, dass Bildung nicht isoliert betrachtet werden kann und muss, sondern als komplexes System.»
Warst du eher vor Ort bei den Schulen oder hast du von der Schweiz aus geführt?
Ich hatte ein Team vor Ort und habe sehr eng mit diesem Team von der Schweiz aus zusammengearbeitet. Ich war aber auch oft vor Ort, habe die Projekte besucht. Vor der Covid-Pandemie waren das drei bis vier Monate pro Jahr, danach etwas weniger. Es fanden aber immer noch viele Gespräche, Treffen und Verhandlungen vor Ort statt.
Wir machen den Bogen, woher du kommst, zurück zum Thema, das dich heute beschäftigt: Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE). Warum soll BNE in den Schulen behandelt werden?
Bildung soll junge Menschen nicht nur auf die nächste Prüfung vorbereiten, sondern auf ein Leben in einer komplexen Welt. Sie werden in de Ausbildung, im Beruf oder auch einfach als Mitglied der Gesellschaft immer wieder vor Fragen stehen, auf die es keine einfache und oft auch nicht nur eine richtige Antwort gibt. BNE stärkt genau die Kompetenzen, die sie für diese Fragen und eine komplexe Welt brauchen: Zusammenhänge erkennen, unterschiedliche Perspektiven einnehmen, Informationen kritisch prüfen, die eigenen Position hinterfragen.
«BNE stärkt genau die Kompetenzen, die sie für diese Fragen und eine komplexe Welt brauchen: Zusammenhänge erkennen, unterschiedliche Perspektiven einnehmen, Informationen kritisch prüfen, die eigenen Position hinterfragen.»
Wir leben im Wandel, komplexe Krisen und Herausforderungen wie Klimawandel, Digitalisierung und KI, Polarisierung beschäftigen die jungen Menschen und fordern auch die Lehrpersonen im Unterricht heraus. Wie kann éducation21 die Lehrerinnen und Lehrer hier unterstützen?
Wir bereiten genau solche Themen so auf, dass Lehrpersonen sie ohne viel Aufwand im Unterricht behandeln können. In unserem Katalog finden sich zudem qualitätsgeprüfte Lernmedien, Filme und Praxisbeispiele und wir bieten Weiterbildungen und Austausch über die die Kantonsgrenzen hinaus an. Die erwähnten Qualitätsprüfung der Lernmedien und Filme stellt sicher, dass keine einseitigen Angebote mehr enthalten sind, kein Lobbying oder politische Instrumentalisierung vom Unterricht passiert.
éducation21 betreut auf nationaler Ebenen auch Netzwerke, einerseits mit ausserschulischen Akteuren, aber auch das rund 2000 Schulen umfassende Schulnetz21. Welchen Eindruck hast du vom Schulnetz21 und was läuft aktuell?
Das Schulnetz21 ist ein lernendes Netzwerk, dass sich dynamisch weiterentwickelt. Die Mitgliedschulen unterstützen sich gegenseitig auf ihrem Weg zu gesundheitsfördernden und nachhaltigen Schulen, indem sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen teilen. Der Austausch mit anderen Schulleitenden und Lehrpersonen ist meines Erachtens sehr wichtig und stärkt gerade die Schuleiterinnen und Schulleiter in ihrer Arbeit. Unsere sprachregionalen jährlichen Grossveranstaltungen, die Impulstagung, die Journée d’étude und die Giornata ESS sind dafür sehr wichtige Plattformen.
Gleichzeitg bieten wir gemeinsam mit den Kantonen Beratungen und Begleitungen für Schulen an. Die kantonalen Koordinierende des Schulnetz21 sind her sehr hier Schlüsselpersonen für uns. Sie halten den direkten Kontakt zu den Schulen, auch über kantonale Netzwerkveranstaltungen, wo wir uns auch gerne beteiligen, unsere BNE-Expertise einbringen und Synergien nutzen.
Aktuelles Beispiel einer Zusammenarbeit mit den Kantonen ist etwa der Bildungstag im Kanton Schwyz an dem wir mit acht Workshops präsent waren oder ein geplantes Netzwerkstreffen im Kanton St. Gallen für die ganze Region Ostschweiz.
«In Zusammenarbeit mit den Kantonen bieten wir gemeinsam Beratung und Begleitung für Schulen an.»
Unser August-Newsletter beschäftigt sich mit dem Fokus-Thema Ernährung. Daher noch die Frage: Was ist dein Lieblingsessen?
Ich liebe lokale Küchen aus aller Welt – vor allem aus Afrika, Zentral- und Südamerika, dem arabischen Raum und Indien. Durch meine längeren Aufenthalte in verschiedenen afrikanischen Ländern habe ich insbesondere die äthiopische Küche mit Injera, die Swahili-Küche mit Ugali und Maniok, Attiéké aus der Côte d’Ivoire sowie Matapa aus Mosambik lieben gelernt. Gleichzeitig schätze ich auch die Schweizer Küche sehr. Nicht leben könnte ich ohne Suppen – insbesondere Gemüse- und Nudelsuppen –, Spaghetti, dunkles, knuspriges und kerniges Brot, Käse, Mezze, selbst gemachte Pizza sowie Salate und Gemüse in allen Variationen.
In unserer Schnellen Runde möchten wir dich noch etwas besser kennenlernen. Entscheide dich für das oder das andere:
Kaffe oder Tee?
Kaffee. Aber im Winter auch gerne Tee.
Film oder Serie?
Ganz klar Film. Ich gehe auch sehr gerne ins Kino.
Frühaufsteherin oder Nachtmensch?
Sicher Frühaufsteherin. Ich nutze gerne die Zeit am Morgen, gerade jetzt, wo so heiss ist.
Sitzung oder Spaziergespräch?
Spaziergespräch tönt spannend! Im Arbeitsalltag endet man wohl doch meistens bei der Sitzung.
Zuhören oder Moderieren?
Moderieren.
Struktur oder Spontanität?
Mhmh. Ich bin schon sehr strukturiert, also Struktur.
Stadt oder Natur?
Beides. Ich liebe das pulsierende Leben in der Stadt. Aber ich brauche die Natur, vor allem die Berge, um mich schnell und gut zu erholen und Kraft zu tanken beim Wandern.
Buch oder Podcast?
Podcast. Ich würde gerne mehr lesen, aber ich muss schon so viel bei der Arbeit lesen, dass ich Podcasts eine gute Alternative finde.
Planen oder Ausprobieren?
Planen.
Allein denken oder gemeinsam entwickeln?
Beides. Es braucht Momente, wo man erstmal etwas allein entwickelt, aber anschliessend sucht man den Austausch mit anderen und entwickelt gemeinsam weiter.
Ein Wort für BNE?
Unverzichtbar.
«Die Jugendlichen brauchen das Wissen, Möglichkeiten zur Auseinandersetzung und Räume, in denen sie Fragen kontrovers diskutieren können.»
Zum Schluss noch die Frage: Was gibt dir Hoffnung, wenn du an Bildung und Nachhaltigkeit denkst?
Es weckt Hoffnung in mir, dass viele junge Menschen wissen, was auf dem Spiel steht. Wir hatten vor kurzer Zeit eine interne Weiterbildung zu einer Studie der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die befragten Lernenden in der Berufsbildung der ökologischen Krise sehr wohl bewusst sind und sich mit ihren Ursachen auseinandersetzen. Spannend ist, dass sie unterschiedlich darauf reagieren. Einerseits mit Engagement, anderseits aber auch mit Distanzierung und Vorbehalten. Die Studie zeigt aber auch, dass das Bewusstsein allein nicht ausreicht, die Jugendlichen brauchen das Wissen, Möglichkeiten zur Auseinandersetzung und Räume, in denen sie Fragen kontrovers diskutieren können. Wichtig ist auch, dass Nachhaltigkeit nicht nur als private Aufgabe verstanden wird, die Jugendlichen müssen auch erleben, dass Veränderung gemeinsam möglich ist. Sei dies im Betrieb, in einer Branche, in der Gemeinde oder durch politisch-gesellschaftliches Engagement. Die kollektive Dimension ist ein sehr wichtiger Hebel, den sie kennenlernen müssen. Genau diese Räume für Diskussion zu kontroversen Fragen will éducation21 schaffen.

